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Ordo Malleus Inquisitor Konstantijn Ruven [Sammlung]
#1
Träume

Konstantijn hatte einen unruhigen Schlaf. Reisen im Warp machten ihm zu schaffen, aber man konnte sich daran gewöhnen, wenn es sein musste. Und ohne Warpreisen kam man in seinem Metier eben nicht aus. Zumindest, solange man noch keinen höheren Posten bei der Inquisition innehatte, der es einem erlaubte, in einem Subsektor zu bleiben und von dort aus die Einsätze der Agenten des Ordo Malleus zu leiten und zu überwachen würde. Aber bis dahin würde es wohl noch einige Jahrzehnte dauern. Einstweilen war er selbst einer jener Befehlsempfänger. Und wenn er ehrlich war, trotz aller Unannehmlichkeiten, die diese Reisen mit sich brachte, konnte er sich doch nichts Besseres vorstellen, als von einem Ende der Galaxis zu anderen die Dienern des Chaos, Verräter am Imperator und Gefahr für die Menschheit, zu jagend und zur Strecke zu bringen. Und wenn das Schiff ihr Reiseziel erreicht hatte, konnte er sich wieder ausschlafen.

Einstweilen aber lastete die allgegenwärtige Macht des Immateriums schwer auf seinem Geist. Das Schiff war zwar durch ein Gellarfeld geschützt, dass die Warpkreaturen abhielt, doch für einen Psioniker waren sie selbst im Realraum präsent, und hier, in ihrem ureigensten Reich um so mehr. Bei Tage konnte Konstantijns geschulter Geist den permanenten Chor aus kreischenden, zischenden und brabbelnden Stimmen so weit ausblenden, dass sie nur ein schwaches Hintergrundrauschen waren. Doch in der Nacht, wenn das Bewusstsein seine eigenen Wege ging, wurde sie zu einem Sturm, der über seinen Geist hereinbrach, Gedanken in Fetzen riss, durcheinander wirbelte und zu wirren, düsteren Träumen neu zusammenwob. Und das nun schon seit ganzen 40 Tagen. 40 Nächte, von denen er nicht mal die hälfte richtig geschlafen hatte. Und jede Nacht mehr des fehlenden Schlafes machte den Geist anfälliger für die Alpträume.

Die Kreaturen des Warps nahmen in ihnen Gestalt an. Zu Anfang waren sie nur Schatten gewesen. Dunkelrote Schatten, die schnatterten und kreischten und wild durcheinander wirbelten. Doch es war schwer zu sagen was grausiger anzusehen war: dieser körperlose, vielstimmige Schrecken, oder die furchtbaren Formen, in denen sie sich später zeigten. Zahllose, glühende Augen, geifernde, zähnestarrende Mäuler, windende Tentakel, klauenbewehrte Fänge, die zuerst nur einer einzigen ungeheuren Kreatur zu entspringen schienen, sich dann doch Nacht für Nacht immer weiter zu einem vielköpfigen Rudel missgestalteter Raubtiere ausformten, gehäuteten Wölfen, Tigern und Bären gleichend, mit peitschenden Schwänzen, langen Zähnen und messerscharfen Klauen, die ihn lauernd umkreisten. Konstantijn fühlte sich von allen Seiten bedrängt. Bislang hatte eine dünne, unsichtbare Barriere, die sein Geist aufbaut hatte, sie abgehalten. Doch nun hatte der Schlafmangel diese Mauer zermürbt. Und die erste Kreatur witterte ihre Chance. Sie verhielt kurz und starrte den Psioniker an. Schon allein der stechende Blick aus brennend grünen Augen schien seinen Verstand sprengen zu wollen. Dann sprang sie auf Konstantijn zu.

Als währe er ein unbeteiligter Zuschauer, sah er sich selbst die Arme zur Abwehr heben. Er fühlte die Furcht in sich und seinem Abbild, und zugleich die unglaubliche Anstrengung, einen Bannkreis aufzubauen, um die Warpkreatur abzuwehren. Die Bestie prallte gegen die unsichtbare Wand und zog sich missmutig knurrend zurück. Damit aber gab sich die Horde noch lange nicht geschlagen, im Gegenteil. Schon stürzten die nächsten zwei heran und wurden zurückgeworfen. Doch für jede Kreatur, die an dem Bannkreis scheiterte, attackierten zwei bis drei weitere. Und es schienen immer mehr zu werden, bis Konstantijn um sich herum nichts mehr sah, als wild übereinander springende und strampelnde Leiber, die nur ein Ziel hatten: den Menschen mit Zähnen und Klauen in Stücke zu reißen. Ohne Unterbrechung warfen sie sich gegen den Schutzkreis. Schon prallten sie nicht mehr zurück, richteten sich an der Wand auf und scharrten und zerrten mit ihren Krallen daran.

Jeder einzelne Anprall kam einem starken Stoß psionischer Energie gleich, der sich an dem Schild entlud und ihn gegen seinen Träger zurückstieß. Schmerzhaft fuhren die Schockwellen in Konstantijns Kopf. Schließlich konnte er die Barriere nicht mehr halten. Die nächste angreifende Kreatur durchbrach sie mühelos und fiel über ihn her.
Hilflos musste Konstantijn zusehen, wie sein Traum-Ich von den Bestien überrannt wurde, den gesamten Schrecken miterleben, ohne etwas dagegen tun zu können.

‚Aufwachen! Wach auf, und sie sind verschwunden’, rief er sich zu. So hatte er sich selbst bisher immer schützen können, sich dem Anstürmen der Mächte des Warp entziehen. Doch diesmal schien der aktive Teil seines Bewusstseins völlig machtlos. Er war einfach zu müde, um vom Schlaf abzulassen.

Ein gellender Schrei riss Konstantijn in die Realität zurück. Er riss die Augen auf und rang nach Luft. Seine Finger krallten sich in das Bettlaken. Suchen wanderte sein Blick von rechts nach links. Einen Moment lang hatte er erwartet, noch immer die glühenden Augen und blanken Zähne der Bestie über sich zu sehen. Doch das kleine, karge Zimmer war still und dunkel. Er atmete einige Male tief durch, um sein rasendes Herz zu beruhigen und schlug die Hände vors Gesicht. Jetzt erst merkte er, dass er schweißgebadet war. Er wischte die Hände am Bettlaken ab, wälzte sich aus dem Bett und tastete nach dem Handtuch an dem kleinen Waschtisch. Erst als er sich seiner feuchten Pyjamajacke entledigte und in dem kleinen Spind nach einer neuen suchte, kam ihm wieder in den Sinn, was ihn aus dem lebensgefährlichen Albtraum gerettet hatte.

Woher war der Schrei gekommen? Ihm wurde bewusst, dass er keine Produktion seines Verstandes gewesen war. Er war real, und hatte ihn in die Realität zurückgeholt und dem drohenden Zugriff der Warpkreaturen entzogen. Und im selben Moment erkannte er, wer der Urheber gewesen war. Channa.

Er stürzte aus dem Zimmer.

Die Mystikerin schlief nur eine Kabine weiter. Konstantijn hämmerte gegen die Tür und rief ihren Namen. Doch sie antwortete nicht. Ein beklemmendes Gefühl überkam ihn. Warum hatte sie geschrieen. Waren sie am Ende zu ihr gekommen, nachdem sie ihn nicht hatten erreichen können? Der Gedanke war unerträglich. Channa war den Mächten des Warps nahezu schutzlos ausgeliefert. Er schlug verzweifelt mit den flachen Händen gegen die stählerne Oberfläche, doch die Tür weigerte sich, nachzugeben. Sein Blick viel auf das elektronische Schloss. Wenn Channa es von innen verschlossen hatte, gab es keine Möglichkeit, zu ihr zu gelangen, ohne… Einen Haupt-Sicherheitscode. Der wachhabende Offizier musste einen haben. Aber er wusste nicht, was mit Channa los war, und ehe er den gefunden hatte, war es vielleicht schon zu spät.
Konstantijn hätte sich selbst ohrfeigen können, als ihm seine Gedankenlosigkeit bewusst wurde. Er hechtete zurück in seine Kabine und begann, in seinem Gepäck zu wühlen, bis er fand was er suchte. Aus den tiefen seines Reisesacks förderte er ein lackschwarzes Holzkästchen zu Tage. Eigentlich sollte er diesen Gegenstand sicherer aufbewahren, doch nun war er froh, es nicht getan zu haben. Wer weiß, ob ihm jetzt die Kombination des Tresors in der Kabine eingefallen wäre. Er schlug den Deckel auf und zog an einer goldenen Kette einen Anhänger in der Form eines I heraus. Das Zeichen der Inquisition fest mit der Hand umklammert, eilte er zurück zu Channas Tür und versenkte das I in dem Schlitz an dem elektronischen Türschloss. Das Tastenfeld leuchtete einmal kurz auf, dann hatte seine Rosette den Türcode außer Kraft gesetzt. Hektisch riss er das Zeichen heraus, hängte es sich um den Hals und schlug auf die Öffnen-Taste. Die Tür schwang auf. Konstantijn stürmte ins Zimmer.

Es war stockdunkel. Kein Wunder, Channa hatte keinen Grund, das Licht angehen zu lassen, wenn jemand die Kabine betrat. Er tastete nach dem Bedienfeld. Dämmerig-blaues Nachtlicht flammte auf.
„Channa“, fragte er leise, um sie nicht zu erschrecken.
Die junge Psionikerin saß aufrecht wie erstarrt in ihrem Bett. Ihre blinden Augen blickten ins Leere. Konstantijn trat näher heran.
„Channa“, fragte er noch einmal. „Hörst du mich, Channa?“
Sie reagierte nicht, sondern starrte nur vor sich hin. Wer vermochte zu sagen, was sie jenseits der realen Welt sah und hörte. Vorsichtig näherte Konstantijn sich ihr. Zum ersten Mal sah er sie nun ohne ihr lindgrünes Kleid und die tief ins Gesicht gezogene Kapuze. Die Frage beschlich ihn, warum sie diese eigentlich trug. Ihr blasses, rundes Gesicht war ausgesprochen schön. Ihre Augen waren groß und dunkel, und wären sie nicht so richtungslos, niemand hätte ihnen angesehen, dass sie blind waren. Nur ihre Haare, kurz und lockig, waren schneeweiß – eine Folge der Seelenbindung, die sie vor den Gefahren des Warps schützen sollte, oder doch durch die ständige Anstrengung, der sie durch den Einfluss des Immateriums ausgesetzt war? Einmal mehr sah Konstantijn in ihr das Schicksal, dass ihn so leicht selbst hätte ereilen können. Und einmal mehr empfand er tiefes Mitleid für das verschlossene Mädchen, und den tiefen Wunsch, sie zu beschützen.

Channa starrte unverändert ins Leere. Ihr Atem ging stoßweise. Konstantijn setzte sich auf die Kante ihres Betts. Nach einem kurzen Moment des Zögerns berührte er sie am Arm. Sie fuhr zusammen und stieß einen spitzen Schrei aus. Sie fuhr herum. Mit weit aufgerissenen Augen wandte sie ihm ihr Gesicht zu. Stumme Tränen rannen über ihre bleichen Wangen hinab. Sie stieß einige Worte hervor, doch sie waren in ihrer fremdartigen Muttersprache, die Konstantijn nicht verstand. Er legte ihr die Hände auf die schmalen Schultern, die das weiße Nachthemd unbedeckt ließ
„Channa, hörst du mich?“ sagte er sanft. „Alles ist gut. Ich bin hier, die geschieht nichts.“
Ihre Atemzüge wurden tiefer und ruhiger. Dann, völlig unvermittelt, durchschüttelte ein wildes Zittern ihren Körper. Sie brach vollends in Tränen aus und brach unter dem unvorstellbaren Schrecken, der sie heimgesucht hatte, zusammen. Konstantijn war unsicher, wie er reagieren sollte, doch anstatt lange zu überlegen, ergriff ein anteilnehmender Instinkt die Initiative, und er umfasst ihren Schultern, zog sie zu sich und hielt sie fest. Channa nahm den Schutz an, lehnte sich gegen seine Schulter und schloss die Augen, während ihre Tränen Konstantijns Pyjamajacke zum zweiten Mal in dieser Nacht durchfeuchteten.

Zaghaft streichelte seine Hand über ihre weißen Locken. Auch wenn er ein Psioniker war, waren seine empathischen Fähigkeiten doch nur gering ausgeprägt. Aber sie genügten, um zu spüren, dass seine bloße Nähe Channa wie in eine schützende Decke hüllte, die die Schrecken des Immateriums von ihr abhielt. Unvorstellbare Schrecken? Konstantijn konnte sich sehr gut vorstellen, dass sie heute Nacht das gleiche erlebt hatte wie er. Auch sie musste sich den wilden Kreaturen des Warpraums gegenüber gesehen haben, und dem Imperator sei Dank hatte auch sie ihnen standhalten können. Ein Gedanke drängte sich auf einmal in Konstantijns Verstand. War es Zufall gewesen, dass sie in genau dem Augenblick geschrieen hatte, als er selbst beinahe den Bestien unterlegen wäre? Oder – der Gedanke kam ihm geradezu absurd vor – hatte sie geschrieen, weil sie nicht um sich gefürchtet hatte, sondern um ihn? Er versuchte, die Idee zur Seite zu drängen. Wunschdenken, wenn überhaupt, von dem er nicht einmal wusste, wo er es herhaben sollte – und das sich auf keinen Fall festsetzen durfte. Nicht in der Lage, in der sie beide sich in jeder Hinsicht befanden.

Channa schien nichts davon zu merken. Ihre gequälte Seele löste sich in einer Aura des Schutzes, wie sie ihr schon lange nicht mehr vergönnt gewesen war. Dankbar überließ sie sich der beruhigenden Anwesenheit ihres Gebieters und glitt mehr und mehr in einen samtschwarzen, traumlosen Schlaf, unbehelligt von den flüsternden Stimmen, die sie Tag und Nacht verfolgten.

Konstantijn hielt Channa im Arm, bis sie eingeschlafen war. Ihre Züge wirkten nun so sanft und gelöst. Nun verstand er, warum sie ihre Kapuze trug. Wer vermochte es lange ertragen, ein so anmutiges Gesicht von solch einem Schrecken gezeichnet zu sehen, wie Channa ihn täglich durchleben musste.

Ihre Tränen waren schon längst getrocknet, als Konstantijn Channa wieder vorsichtig auf ihr Kissen bettet und die dünne Leinendecke bis zu ihren Schulter hinaufzog. Einige lange Minuten saß er da und beobachtete sie, wieder erfüllt von dieser lähmenden Unschlüssigkeit. Dann erhob er sich von der Bettkante und ging ein, zwei Schritte in Richtung der Tür. Doch eher er sie erreicht hatte, hielt er inne und sah sich um. Eine innere Stimme hatte sich Gehör verschafft, sein Beschützerinstinkt hatte die Entscheidungsgewalt an sich gerissen. Und er entschloss sich, Channa in dieser Nacht nicht mehr allein zu lassen. Selbst wenn die Wesen des Warps sie heute nicht mehr heimsuchen sollten, sie hatte eine Nacht in Ruhe und Sicherheit verdient. Auch wenn er den Gedanken zu verdrängen suchte, tief im Innern seines Bewusstseins war ihm klar, dass ihr Geist an seiner Seite gewesen war und ihn den Fängen der Warpkreaturen entrissen hatte.

Er sah sich kurz in der Kabine um, nur um festzustellen, dass sie noch spärlicher eingerichtet war, als seine eigene, und dass es nicht einmal einen Stuhl oder ähnliches gab. Eher hintergründig meldete sich ein gewisses Anstandsgefühl, als er sich wieder auf die Bettkante setzte, am Kopfende, und sich gegen die Wand des Zimmers lehnte. Eigentlich hatte er wach bleiben wollen, doch dann sank auch er in einem tiefen, ruhigen Schlaf.


Man konnte an Bord eines Raumschiffes nicht wirklich sagen, dass es Morgen war, bei einer Reise durch den Warp, in der ein kontinuierlicher Zeitablauf nicht existierte, schon gar nicht. Es waren die von den Computersystemen des Schiffes synchron gehaltenen Chronometer, die Jocelyn anzeigten, dass das, was sie als Morgen bezeichnen würde, schon längst vorbei war. Und Konstantijn hatte sich ganz gegen seine Gewohnheit noch nicht blicken lassen. Langsam machte sie sich Sorgen. Wer wusste schon, was einem Psioniker bei einer Warpreise alles zustoßen konnte.

Heftig klopfte sie an die Kabinentür. Henk und Vincent standen hinter ihr. Die drei warteten und horchten. Nichts tat sich. Jocelyn hämmerte härter, das Metall dröhnte.
„Konstantijn, mach auf!“ rief sie.
Keine Reaktion. Nun machte sie sich ernstlich Sorgen.
„Vincent, mach mal die Tür auf“, sagte Henk in seiner gewohnten Lockerheit, die wie immer im krassen Gegensatz zu Jocelyns Hektik stand.
Vincent legte seine langen, dünnen Finger auf das Zahlenschloss. Ehe er begann, drehte er sich noch einmal um.
„Ich wollte euch nur darauf aufmerksam machen, dass diese Art von Schlössern Kombinationsmöglichkeiten ihn Höhe von…“
„Vincent, einfach aufmachen“, unterbrach ihn Henk.
Der Calcus Logii zuckte mit den Schultern. „Es könnte eine Weile dauern.“
Seine Finger flogen über das Bedienfeld. Mit jeder fehlerhaften Kombination schloss sein mathematischer Verstand mehr Möglichkeiten aus. Nach einer knappen Minute gab das Schloss einen piepsenden Ton von sich und die Tür schwang auf. Jocelyn stürmte hinein, noch bevor Henk das Licht angemacht hatte.

Ungläubig starrte Jocelyn auf das lehre Bett. Dann fielen ihr der offene Spind und die schwarze Pyjamajacke am Boden auf. Sie bückte sich danach. Sie drehte sich nach den beiden anderen um und sah sie verwirrt an. Henk hatte wieder seinen undurchschaubaren Gesichtsausdruck aufgesetzt, Vincent blickte wie immer vollkommen gleichgültig drein.
„Was ist eigentlich mit Channa?“ fragte Henk.
Jetzt erst fiel Jocelyn auf, dass sie die Mystikerin auch noch nicht gesehen hatten. Die drei verließen Konstantijns Kabine und gingen zur nächsten Tür. Als Vincent das Bedienfeld berührte, entdeckte er, dass das Codeschloss entsichert worden war. Ein simpler Tastendruck ließ die Tür auffahren. Ein schwaches, blaues Dämmerlicht herrschte in der kleinen Kabine.

Jocelyn blieb mit offenem Mund wie angewurzelt im Türrahmen stehen. Beinahe wäre ihr die Pyjamajacke aus den Händen gefallen.
Konstantijn lehnte zur Seite gesunken in einer eher unbequemen Haltung am Kopfende von Channas Bett an der Wand. Das Licht, das aus dem Gang auf sein Gesicht fiel, ließ ihn blinzelnd aufwachen und abwehrend die Hand dagegen heben. Erst jetzt bemerkte er, dass Channa im Schlaf ihren Kopf auf seinen Schoß gebettet, und er seinen Arm um ihre Schultern gelegt hatte. Vorsichtig, um sie nicht zu wecken, ließ er sie los, richtete sich auf, hielt ihre Kopf fest, während er sich vorsichtig von der Bettkante erhob, legte ihn wieder auf das Kissen und deckte sie zu.
Wortlos wandte er sich seinen Gefährten zu, nahm Jocelyn die Jacke aus der Hand und ging an ihnen vorbei aus der Kabine. Jocelyn sah ihm nach, immer noch mit offenem Mund. Hinter Henks zerfurchtem Gesicht schien sich ein breites Grinsen zu verbergen, während Vincent mir seiner üblichen unbewegten Mine seine Brille zurechtrückte.

Konstantijn betrat seine Kabine ohne sich noch einmal umzusehen. Er hatte sich nichts vorzuwerfen, denn es war nichts geschehen. Und wenn, er war ein Inquisitor. Vor wem sollte er sich zu verantworten haben?
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#2
Konstantijn

In langsamen, behäbigen Wellen zog das silbergraue Wasser des kleinen Flusses unter dem Bogen einer steinernen Brücke hinweg. Die gestutzten Weiden am Ufer wiegten sich im warmen Spätsommerwind. Einzelne der schmalen, silbergrünen Blätter nahmen schon eine leuchtend goldgelbe Farbe an, lösten sich bei einem heftigeren Windstoß von den dünnen Zweigen und segelten hinunter auf die Wasseroberfläche, um auf den Wellen tanzend im finsteren Tor des Brückenbogens zu verschwinden.

Zwei Jungen saßen auf dem gemauerten Geländer, ließen die Füße über dem Wasser baumeln und schauten den Blättern nach. Der Jüngere war vielleicht 12 Jahre alt, hatte strohblondes Haar und ein vorwitziges, rundes Gesicht. Er hatte eine Weidenrute in der Hand und peitschte damit nach den treibenden Blättern.
Der andere war gut zwei Jahre älter, aber für sein Alter ausgesprochen schmächtig und blass. Sein schmales Gesicht wurde von kinnlangen, rotblonden Haaren eingerahmt und hatte einen ernsten, nachdenklichen Ausdruck.
Eben schlug der Blondschopf erneut nach einem Blatt, so dass es unter Wasser gedrückt und ein Stück weit in der tieferen Strömung mitgerissen wurde.

„Lass die Blätter doch in Ruhe treiben, Jan“, sagte der Rothaarige. Er schwang die Beine über die Mauer auf den Laufweg der Brücke, rutschte von der Brüstung, lief hinüber zur anderen Seit und schaute hinunter. Das Blatt kam aus dem Schatten des Tunnels hervor und wurde vom Wasser herumgewirbelt. Doch ob es daran lag, dass es so leicht war oder so eine glatte schnittige Form hatte, es wurde wieder nach oben getrieben und glitt unbeirrt weiter auf der gleichmäßig dahinströmenden Wasseroberfläche dahin.
„Wat haste nur mit den Blättern?“ fragte der Blondschopf, sprang von der Mauer und lief zu seinem Freund hinüber.
„Ich weiß auch nicht“, antwortete der. „Ich…“

„Klar, dass du nichts weißt, Konstantijn. Du bist ja auch ein Vollidiot.“
Die beiden sahen sich um. Ein Trupp von vier Jungen hatte sich hinter ihnen aufgebaut, jeder von ihnen bestimmt doppelt so breit wie Konstantijn und jeder mindestens ein oder zwei Jahre älter. Der Wortführer war ein massiger Kerl mit blonden Haaren, noch heller als die von Jan. Konstantijn verschränkte die Arme vor der Brust und sah den Jungen unbeeindruckt mitten ins Gesicht. Diese unerwartet ruhige Reaktion verwirrte sein Gegenüber für einen Augeblick. Doch dann verzog sich seine Miene zu einem breiten Grinsen. Er drehte sich zu seinem Kumpanen um und feixte: „Seht ihr? So hohl in der Birne, der kann nicht mal was sagen, wenn man ihn anspricht.“

Jan konnte nicht mehr an sich halten.
„Konstantijn hat sehr viel mehr im Kopf, als ihr vier Hohlköpfe zusammen“, platze es aus ihm heraus. Sein rundes Gesicht lief rot.
„Guckt mal, eine Tomate mit Strohmütze“, lachte der Junge. Seine drei Kumpane stimmten ein.
Konstantijn fasste den kleinen am Arm.
„Reg dich nicht auf, Jan. Lass sie einfach reden. Wenn du dich aufregst, haben sie doch erreicht, was sie wollen.“
Die Jungen lachten weiter.
„Ach ja, der brave Konstantijn, der jedem Streit aus dem Weg geht und einem jeden den Spaß verdirbt.“
Konstantijn sah die vier ernst an. Sein Blick aus zusammengekniffenen Augen war eine Warnung. Doch das erkannten die Jungen nicht. Oder wollten es nicht erkennen.
„Komm, Jan, wir hauen ab“, sagte er.

Zwei der Gruppe stellten sich ihnen in den Weg. Konstantijn überragte sie um einen halben Kopf, doch wirkte er ihnen gegenüber geradezu zerbrechlich.
„Leute, wir wollen keinen Stress“, sagte er. „Lasst und einfach durch, ok?“
Doch die beiden blieben stehen. Allmählich wurde Konstantijn nervös. Und er wusste, dass das nicht gut war. Für ihn, aber besonders für die anderen.
„Pieter, pfeif deine Gorillas zurück“, sagte er an den blonden Jungen gewandt, mit einer Bestimmtheit, die den älteren überraschte. Doch der sah nicht im Geringsten ein, warum er sich von dem schwächlichen Rotschopf etwas sagen lassen sollte.
„Und was wenn nicht?“ fragte er herausfordernd grinsend. Noch bevor Konstantijn etwas erwidern konnte, hatte einer der Jungen ihn schon zurückgeschubst, so dass er gegen die Mauer stieß und sich beiden Hände anstützen müsste, um nicht hinterrücks kopfüber in den Fluss zu fallen.
„Lasst uns in Ruhe, ihr Blödmänner“, zeterte Jan. Konstantijn versuchte noch, ihn am Ärmel zu fassen zu bekommen, doch der Kleine stürmte auf einen der großen Jungen zu und trat ihm mit voller Wucht gegen das Schienenbein. Der Junge heulte auf.
„Na warte, du kleine Ratte“, zischte Pieter und packte Jan am Kragen. Der Kleine zappelte und schlug Wild um sich. Die beiden anderen hielten Konstantijn fest. Pieter drückte Jan gegen die Brüstung.
„Jetzt lernst du schwimmen“, sagte er.
Jan wand sich und schrie und war den Tränen nahe.
„Pieter, du Feigling. Vergreif dich an jemandem von deiner eigenen Größe“, schrie Konstantijn.
Pieter sah sich nach ihm um.
„Keine Sorge, du Spinner. Du kommst auch noch dran, wenn die kleine Ratte baden gegangen ist.“

Das war zu viel. Mit Mühe war es Konstantijn gelungen, seinen Zorn zurückzuhalten, doch nun brach er aus. Er rammte seinen beiden Bewachern die Ellenbogen mit solcher Wucht ihn den Bauch, dass sie sich stöhnend zusammenkrümmten und ihn losließen. Dann stürzte er sich auf Pieter. Mit einer Kraft, die man seiner schmächtigen Statur niemals zugetraut hätte, ließ er die geballte Faust gegen Pieters Brust sausen. Der rang keuchend nach Luft und ließ Jan los. Der Kleine fiel auf das Hinterteil, was ihm nun doch die Tränen in die Augen trieb.

Inzwischen hatte der, dem Jan gegen das Schienenbein getreten hatte, sich erholt, und wollte Konstantijn von hinten packen und festhalten, damit Pieter auf ihn einschlagen konnte. Doch Konstantijn reagierte schnell. Er wirbelte im Zuschlagen herum und traf seinen Unterkiefer. Der Junge taumelte, ging zu Boden und spukte Blut und zwei Schneidezähne aus. Pieter hingegen nutz die Zeit. Er erwischte Konstantijns Gesicht, jedoch nur von der Seite, so dass er mit einer Platzwunde auf dem Wangenknochen davonkam. Aber als er das Blut seine Wange hinunterlaufen fühlte, gab es kein Halten mehr. Er holte weit aus. Seine Faust traf seinen Gegner auf der linken Wange, mit so viel Wucht, dass er zur Seite geschleudert wurde. Benommen klammerte Pieter sich an der Brüstung fest. Noch bevor er wieder auf die Beine kommen konnte, war Konstantijn bei ihm, fasste ihm am Hals und hob ihn über die Mauer. Spätestens bei diesem Anblick hatten Pieters Kumpane genug und suchten so schnell das weite, wie sie in ihrem Zustand nur konnten. Jan starrte mit aufgerissenen Augen auf seinen Freund, der den viel größeren und stärkeren Jungen wie eine Puppe hochgehoben hatte.
Ängstlich und verwirrt sah Pieter ihn an, unfähig zu begreifen, was mit ihm geschah. Konstantijn sah seinen Gesichtsausdruck. Doch es kümmerte ihn nicht im Geringsten.
„Jetzt lernst du schwimmen“, sagte Konstantijn finster und ließ los. Mit einem lauten Platschen landete sein Gegner im Wasser.

Er hörte Jan etwas rufe. Der kleine blonde Junge rappelte sich mühsam auf und stolperte mehr als dass er rannte, zur Brüstung und schaute hinunter.
„Beim Imperator, Konstantijn, was hast du gemacht!“ rief er.
Konstantijn erwachte wie aus einem Tram. Ungläubig starrte er in den Fluss. Pieter war mit dem Gesicht nach unter im Wasser gelandet und regte sich kaum. Die Strömung zog den massigen Körper unter den Brückenbogen.
„Verdammt noch mal“, entfuhr es ihm.
Er rannte über die Brücke, hechtete über die Brüstung auf der anderen Seite, rutschte die Böschung herab und warf sich ins Wasser. Die von oben so ruhig wirkende Strömung war stärker, als sie aussah. Gegen den Sog ankämpfend watete er zur Mitte des Flusses. Wenn es ums Prügeln ging, wenn er wütend war, dann konnte er Kraft entwickeln, dass es ihm selbst unheimlich war. Warum beim Imperator konnte das nicht einmal, nur ein einziges mal passieren, wenn er es wirklich brauchte. Das Wasser reichte ihm bis zur Brust und die Strömung zog ihm fast die Beine weg. Aber irgendwie schaffte er es, sich zu halten.

Pieter trieb reglos unter der Brücke hervor. Konstantijn bekam ihn am Arm zu fassen, zog den Jungen zu sich heran und drehte sein Gesicht nach oben, hielt es so gut es ging über Wasser und watetet und paddelte mit seiner Last zurück. Jan hüpfte am Ufer aufgeregt auf und ab, doch als Konstantijn nach dem Gras am Wasserrand griff, fasst er seine Hand und half ihm, sich selbst und Pieter auf dem Wasser zu ziehen.
Einen Moment lang lag der blonde Junge reglos auf dem Gras. Hilflos saßen die beiden Freunde daneben und starrten ihn an.
„Du, Konstantijn“, begann Jan. „Meinst du, der ist tot?“
Plötzlich begann Pieter zu husten und Wasser auszuspucken. Konstantijn atmete innerlich auf und drehte ihn auf die Seite, damit das Wasser nicht gleich wieder zurück in die Lunge lief. Pieter röchelte und starrte ihn an.
„Du bist total irre“, stieß er hervor.
Konstantijn wollte ihm aufhelfen, doch er stieß ihn von sich.
„Fass mich nicht an, du Irrer!“ rief er und richtet schwankend auf, bis er wieder halbwegs sicher auf beiden Füßen stand. „Das hat noch Folgen, das kannst du aber glauben!“
Dann entfernte er sich rückwärts gehend, um Konstantijn nicht aus den Augen zu lassen, stolperte fast über eine Baumwurzel, drehte sich um und rannte davon. Jan und Konstantijn blieben am Ufer zurück.

„Puh, ich hoffe, das gibt keinen allzu großen Ärger“, schnaufte Jan.
„Wer weiß“, sagte Konstantijn nur.
Jan sah ihn an verwirrt an. Dann begann er zu grinsen.
„Mann, dem hast du’s aber gezeigt. Ich wusste gar nicht, dass du so stark bist“, sagte er nicht ohne eine Spur Bewunderung.
„Ich auch nicht“, antwortete Konstantijn. „Und mir wäre es lieb, wenn das auch kein anderer erfährt. Freundschaftsgeheimnis. Ehrenwort?“
Er streckte Jan die Hand hin. Der Kleine schlug ein.
„Freundschaftsgeheimnis. Ehrenwort.“
Konstantijn stand auf und strich sich das nasse, rotblonde Haar aus dem Gesicht.
„Komm Jan, lass uns nach Hause gehen“, sagte er.
Die beiden stapften los. Auf dem ganzen Weg ging der Vorfall Konstantijn nicht mehr aus dem Kopf. Wieder einer dieser unkontrollierten Ausbrüche. Und diesmal wäre es wirklich beinahe schief gegangen. Aber eins war diesmal neu gewesen, und das war gut. Er hatte es zum ersten Mal geschafft, seine Kraft auch dann zu halten, wenn er wieder voll und ganz bei Verstand war und wenn er sie für etwas Sinnvolles einsetzen konnte.
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